Pflege und Leitlinien

Pflegerische Entscheidungen beruhen derzeit noch hauptsächlich auf Tradition, Autorität und Erfahrungen. Als Informationsgrundlage für pflegerische Entscheidungen sollten jedoch die besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse angewandt werden. Systematisch entwickelte Leitlinien eignen sich dazu, Pflegepersonen dabei zu unterstützen, einen Überblick über die zunehmende Informationsflut an wissenschaftlichen Arbeiten zu bekommen.

In der Medizin entwickelten sich die ersten nationalen Leitlinienprogramme 1977 in den USA, Deutschland startete 1995 mit dem ersten Leitlinienprogramm.

Die medizinische Forschung dominiert im Gesundheitssektor gegenüber der Pflege.

Medizinische Leitlinien sind vom cure-Ansatz aus auf die Diagnostik und Therapie von Krankheiten fokussiert. Im Gegensatz dazu, dem englischen Begriff care zufolge, sollten sich Pflegeleitlinien auf die Erhaltung und Förderung der Gesundheit sowie auf die Krankheitsbewältigung richten. Pflegeberufe stellen die größte Berufsgruppe europaweit dar, weshalb es von großer Wichtigkeit ist, dass auch die Pflege eigenständige und gleichberechtigte Zugänge zu gesundheitlichen Problemen repräsentiert.

Leitlinien können einen solchen Zugang darstellen und als eine Verbindung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und pflegerischer Praxis gesehen werden. Um ein hohes Maß an Qualität und Transparenz von Leitlinien zu gewährleisten, ist eine systematische Vorgangsweise bei der Erstellung unumgänglich. Derzeit gibt es im deutschsprachigen Raum jedoch noch kein Instrument, das speziell zur Erstellung beziehungsweise zur Beurteilung von pflegerischen Leitlinien konzipiert ist.

Was sind Leitlinien?

Leitlinien sind systematisch entwickelte Entscheidungshilfen über angemessene

Vorgehensweisen bei speziellen gesundheitlichen Problemen. Sie stellen Handlungsempfehlungen dar, die praxisorientiert und wissenschaftlich begründet sind. Sie sollen Pflegenden Orientierung, im Sinne von Entscheidungs- und Handlungskorridoren geben, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann oder sogar muss. Leitlinien werden in der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) in dreiEntwicklungsstufen von S1 bis S3 klassifiziert:

S1: von einer Expertengruppe im informellen Konsens erarbeitet

S2: eine formale Konsensusfindung und/oder eine formale „Evidenz“ - Recherche hat stattgefunden

S3: Leitlinie mit zusätzlichen/allen Elementen einer systematischen Entwicklung

Grundlage einer S3 Leitlinie ist die systematische Recherche und Analyse der wissenschaftlichen  Erkenntnisse. Aufgrund der besten verfügbaren Belege wird demnach von einer multidisziplinären Expertengruppe ein Konsens zu den Empfehlungen der Leitlinie getroffen. Der erzielte Konsens soll nach einem definierten Vorgehen stattfinden und transparent sein. Leitlinien kommt unmittelbar keine rechtsverbindliche Wirkung zu, da sie nicht von Gesetzgebungskörperschaften erlassen werden. Der Begriff Richtlinie bezeichnet Regelungen des Handelns, die von einer gesetzlichen oder berufsrechtlichen Organisation erlassen werden und für den Rechtsraum dieser Institution verbindlich sind. Deren Nichtbeachtung kann Sanktionen nach sich ziehen. Im Sprachgebrauch der USA werden Richtlinien sowie auch Leitlinien als „guidelines“ bezeichnet.